Eine Wahl zwischen zwei sehr unbeliebten Kandidaten

Herr Voigt, wie ist Ihre persönliche Beziehung zu den USA? 
Ich habe dort über ein Jahr gelebt, Praktikum gemacht und meine Masterarbeit an der Jefferson-Universität in Virginia geschrieben. Während meiner Doktorarbeit über den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf bin ich durch zehn Bundesstaaten gereist und habe Demokraten und Republikaner interviewt. Das waren über 60 Gespräche, und zu vielen Partnern habe ich heute noch Kontakt.
Nun haben sie wieder – frei nach Kurt Tucholsky – das amerikanische Volk bei seiner Wahlvorbereitung beobachtet. Was genau machen Sie da?
Ich rede mit Demokraten, Republikanern und Experten. Zum Beispiel darüber, wie sich die demokratische Kultur in den Vereinigten Staaten geändert hat.
Wahlkämpfe in den USA sind stets pompöser und turbulenter als in Deutschland. Doch diesmal scheint sich das alles noch zu steigern, oder?
Die Stimmung bei den Amerikanern, die ich getroffen habe, ist so, dass sie möglichst schnell den Wahltermin hinter sich haben wollen. Sowohl Anhänger der Demokraten als auch der Republikaner wirken desillusioniert. Hillary Clinton und Donald Trump sind beides keine beliebten Kandidaten, bis hin in die eigenen Reihen. Ein Amerikaner hat mir gesagt, Trump habe der demokratischen Kultur im Land das Rückgrat gebrochen.

Es ist zu beobachten, wie schnell soziale Medien den Anstand und die Distanz verlieren lassen. Das hat die politische Kultur in den USA noch mal radikalisiert, von der Mitte weg.

Haben die Amerikaner bei diesen Präsidentschaftskandidaten so etwas wie die Wahl zwischen Pest und Cholera?
Das kann man sicher so sagen. Meine Favoriten waren andere Kandidaten. Aus deutscher Sicht ist Frau Clinton sicher positiver konnotiert. Es bleibt eine Wahl zwischen zwei sehr unbeliebten Kandidaten. Bei Trump weiß man nicht, was man bekommt. Bei Clinton weiß man vielleicht, was man kriegt, aber mit ihr kommt eine große Menge Gepäck mit, zum Beispiel der Email-Skandal. Da gibt es Dinge, die wohl noch unter der Decke gehalten werden. Viele Amerikaner sagen deshalb: Wir wollen nicht das erleben, was wir schon bei ihrem Mann hatten – dass quasi zum Amtsantritt auch das Amtsenthebungs­verfahren startet.
Was ist nach Ihrer Beobachtung schlimmer: Die sexistische Haltung Trumps oder der sehr nachlässige Umgang Clintons mit geheimen Mails?
Es ist beides schlimm, aber auf unterschiedlichen Ebenen. Ich würde auch ungern von einem Menschen regiert werden, der das andere Geschlecht oder Minderheiten so niedermacht. Das ist eine Frage der Werte und des Stils. Bei Clinton kommt immer wieder durch, dass sie sich für etwas Besseres hält und andere Standards an sich legt. Normalerweise würde man ja gefeuert werden, wenn man hochgeheime Dokumente sorglos herumliegen lässt, Einschätzungen über Kriegssituationen über einen privaten Server leitet.
Wie kommt es denn, dass Hillary Clinton in deutschen Medien tendenziell besser wegkommt als Donald Trump? 
Das ist zunächst mal die Frage, wie man die USA in Deutschland wahrnimmt, auch in den hiesigen Medien. Man liest hierin Deutschland ja kaum amerikanische Medien.
Allgemein besteht bei uns eine hohe Skepsis, gerade in Ostdeutschland, wo man mit der Rhetorik und insbesondere mit der Mentalität vieler Amerikaner nicht so zurecht kommt. Clinton wirkt da deutlich moderater. Hinzu kommt die Symbolik, dass mit ihr die erste Präsidentin ins Weiße Haus einziehen könnte.
Mit Theresa May in Großbritannien, Angela Merkel bei uns und Hillary Clinton würden dann wesentliche Staaten der westlichen Welt von Frauen regiert.
Ja, das ist spannend. Allerdings hat Clinton aus dieser Konstellation viel zu wenig gemacht.
Dennoch: Wäre Hillary Clinton auch für Sie das kleinere Übel?
Definitiv. Um die transatlantischen Beziehungen muss man sich bei ihr keine Sorgen machen. Eigentlich kann das mit ihr nur besser werden, denn Barack Obama hat – im übertragenen Sinn – nicht so richtig gewusst, wo Europa liegt. Er hat in seiner Politik da andere Schwerpunkte gesetzt. Clinton ist berechenbarer.
Das wäre für Deutschland und Europa besser? 
Ich habe Amerikaner getroffen, die nach dem Brexit nun Deutschland für wichtiger halten. Das Handelslabkommen TTIP dürfte aber dennoch wohl kaum vor 2020 wieder aufgenommen werden, so der Eindruck auch bei Firmen in den USA.
Ein Amerikaner hat mir gesagt: We have overlook the Loosers, also: Wir haben die Verlierer übersehen. Das zielte auf die Globalisierung, die in den USA viel mehr Sorgen bereitet als bei uns. In Deutschland gibt es die geringste Arbeitslosigkeit seit 25 Jahren, in den USA ist es genau umgekehrt. Dort gab es seit acht Jahren keinen Job-Zuwachs bei Menschen ohne College-­Abschluss. Das durchschnittliche Einkommen ist seit 15 Jahren nicht gewachsen. Viele Amerikaner haben deshalb das Gefühl, dass sich keiner um sie kümmert, dass das politische Establishment sie allein lässt.
Das nutzt Trump. Er nutzt das Potenzial der weißen Arbeiter, die glauben, es werde für Minderheiten und Kleingruppen mehr getan als für die Mehrheit der Gesellschaft. Wenn jemand zwei oder drei Jobs ausführen muss, um zu überleben, ist er anfälliger für populistische Themen.
Was ist denn Ihr Tipp, wer die US-Präsidentschaft gewinnt?
Es wird sehr knapp werden. Unsere Gruppe, zu der auch die CDU-Kollegen Gruhner, Tischner, Zippel und Herrgott gehörten, war in Virgina und North Carolina, einem der wesentlichen Staaten, die man gewinnen muss, will man Präsident werden.
Vielleicht gewinnt sogar Trump die meisten Stimmen bundesweit, verliert aber die Mehrheit der Wahlmänner in den Bundesstaaten.
Am Ende wird es Clinton wohl schaffen, denke ich, weil sie einen großen Vorteil hat im Bereich der Wählermobilisierung, digital und von Tür zu Tür. Gerade dies scheint Trump nicht sonderlich zu interessieren. Clinton hat so großen Vorsprung bei den freiwilligen Wahlhelfern und bei den Strukturen. In wahlentscheidenden Staaten ist sie viel präsenter als ihr Konkurrent.
Trump hat in einem Fernsehduell offen gelassen, ob er eine Niederlage akzeptieren würde. Wie groß ist die Sorge in den USA vor möglichen Unruhen?
Es gib durchaus sorgenvolle Blicke darauf, dass man die Geister, die man rief, mit dem Wahltag nicht los wird. Hinter dem Trumpschen Populismus existiert eine ganze Reihe von wirklichen Problemen. Den davon Betroffenen hat Trump eine Stimme gegeben. Es wird es sehr darauf ankommen, wie es Hillary Clinton als Präsidentin gelingt, die gespaltene Gesellschaft wieder zusammenzuführen, auch im Senat über die Parteigrenzen hinweg zusammenzuarbeiten. Clinton sollte auf die Republikaner zugehen – mehr als das es der sehr parteiische Präsident Barack Obama getan hat. Und die Republikaner wiederum sollten den Selbstreinigungsprozess ihrer Partei vorantreiben. Ich habe viele Republikaner getroffen, welche die nationalistische, isolationistische und xenophobe Richtung Trumps ablehnen. Trump hat mit seinen Aktionen nahezu die gesamte Bevölkerungsgruppe mit lateinamerikanischem Hintergrund gegen sich aufgebracht.
Was können wir Deutschen vom Wahlkampf in den USA lernen? Und was sollten wir besser nicht lernen? 
Was man lernen kann ist, die Probleme, die oft als „Rendezvous mit der Globalisierung“ bezeichnet werden, offen anzusprechen. Wie steht es um die soziale Mobilität? Profitieren alle vom Wirtschaftswachstum? Geht es um Einzelinteressen oder um das Große und Ganze? Wichtig ist auch die Sprache. Man muss versuchen, den Leuten aufs Maul zu schauen, ohne ihnen aber nach dem Munde zu reden. Bei der Frage, wie man Wahlkampf macht, geht es auch darum, dass man Bürger direkt anspricht – digital und von Tür zu Tür. Mit Themen, die sie interessieren, die stärker an den Fragen und Sorgen der Menschen orientiert sind. Ein dritter Aspekt ist der Umgang mit populistischen Bewegungen. Da kann man von den USA sehr stark lernen, wie man es nicht macht. Für uns in Deutschland kommt es darauf an, aus den großen Ballons der politisch rechten und der linken Seite die Luft herauszulassen.
Was machen Sie mit den Erkenntnissen? 
Im nächsten Jahr gebe ich gemeinsam mit einer Berliner Kommunikationswissenschaftlerin ein weiteres Buch heraus, das den US-Wahlkampf auf Seiten der Demokraten und der Republikaner analysiert.
Zudem arbeite ich dafür, dass Unternehmen aus Thüringen ihre Produkte leichter in den USA einführen können, neue Märkte erschließen oder Amerikaner hier investieren. Dafür habe ich mich mit der Außenwirtschaftseinrichtung Deutschlands in den USA getroffen – Germany Trade and Invest.
Gespräch: Wolfgang Schütze
OTZ 05.11.16 OTZ