Wo Medizinern in Eisenberg und Stadtroda der Schuh drückt (OTZ)

Kritische Fragen aus dem Landkreis zu Bürokratie und Personalmangel an den Bundesgesundheitsminister

Es ist der Wahlkampf, der den Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) nach Thüringen führt. Und es war die Einladung des CDU-Landtagskandidaten Mario Voigt aus dem Saale-Holzland-Kreis, die den Bundesgesundheitsminister am Dienstagabend auch nach Eisenberg gebracht hat. Im großen Seminarraum der Waldkliniken Eisenberg waren zwei Stunden Zeit für Gespräche zu Gesundheit und Medizin. Das Publikum handverlesen: Ärzte und Vertreter aus medizinischen Einrichtungen und aus Pflegeeinrichtungen.

Die Mediziner aus dem ländlichen Raum waren zum Gespräch vor allem gekommen, um zu sagen, wo ihnen der Schuh drückt. Angesichts der Ankündigung, dass in Deutschland die Zahl der Krankenhäuser ausgedünnt werden müsste, forderte der Weimarer Klinik-Professor Reinhard Fünfstück von der Politik: „Die Verunsicherung der Patienten und der Mitarbeiter muss endlich ein Ende haben.“ Statt mit den Kostenträgern über zu viele Krankenhausbetten zu diskutieren, sei es die Pflicht, die stationäre medizinische Versorgung auch im ländlichen Raum zu sichern. Thüringen und der Osten Deutschlands, wo in den 1990er Jahren schon ein großer Strukturwandel in der Krankenhaus-Landschaft stattgefunden hatte, sei nicht gemeint gewesen, versicherte Spahn.

Thüringen nicht gemeint mit Klinik-Schließungen

Die Frage sei, wer macht welche Behandlung. Es könne nicht sein, dass in Ballungsräumen wie etwa um Essen 50 Kliniken Knie-Operationen anbieten. Spezialisierung heiße auch nicht, dass sie in einer großen Stadt sein muss, das gehe auch im ländliche Raum, verwies der Minister auf die Waldkliniken Eisenberg mit ihrem Deutschen Zentrum für Orthopädie.

Christoph Essmann, Geschäftsführer der Moritz Klinik in Bad Klosterlausnitz, stellte fest, dass es angesichts des Wettbewerbsdrucks im Reha-Bereich keine Möglichkeit gebe, die steigenden Personalkosten gegenzufinanzieren. „Was tun Sie im Bereich Reha“, wollte er deshalb vom Bundesgesundheitsminister wissen. Ein Gesetz sei in Vorbereitung, um die medizinische Rehabilitation weiterzuentwickeln, das solle im Paket im nächsten Jahr vorgelegt werden, kündigte Spahn an.

Die Hausärzte im Saale-Holzland-Kreis haben vor allem Sorge wegen zunehmender Arbeitsbelastung bei einer sinkenden Zahl von niedergelassenen Ärzten und gegebenenfalls Regress, wenn sie mehr Patienten behandeln, als es der Sprechtag-Ablauf eigentlich zulasse. Hinzu kommen Bürokratie und Aufwand bei der Dokumentation ihrer Arbeit für die Kostenträger.

„Wir brauchen mehr Leute und mehr Praxen“, forderte die Allgemeinmedizinerin Sabine Eismann-Nimmler aus Eisenberg. Allein in der Kreisstadt seien in den letzten Jahren sieben allgemeinmedizinische Praxen geschlossen und nicht so viele wieder eröffnet worden. Und es würden noch weniger, denn viele ihrer Ärztekollegen seien über 60 Jahre alt. Auch in der Pflege fehle die Zeit, die für Bürokratie benötigt wird, zunehmend für Patienten, stellte Henrike Köber aus Bürgel fest. Ein Inkontinenz-Höschen etwa müsse nicht mit viel Hin und Her der Hausarzt verschreiben.

Die Zahl der Ärzte und Praxen habe sich nicht reduziert, antwortete Spahn. Die Frage sei, wer steht zur Versorgung zur Verfügung. Im neuen Bedarfsplan solle auch die Bevölkerungsstruktur berücksichtigt werden, „das ist ehrlicher“. Ziel sei es auch, mehr Medizinstudenten „in die Fläche zu bringen“, die nach der Ausbildung dort blieben. Verbesserungen verspricht der Bundesgesundheitsminister auch mit der Verknüpfung von zentraler telefonischer Terminvergabe für die Patienten und dem Notruf. Massive Gegenwehr gebe es gegen Modellprojekte, in denen Apotheken zeitweilig Verlängerungsrezepte ausstellen oder Grippeschutzimpfungen vornehmen könnten. Das würde den Ärzten aber mehr Zeit für die Patienten geben. Auch Online-Sprechstunden bis hin zum e-Rezept, über das Medikamente eines Tages vielleicht per Drohne zum Patienten kommen könnten, würden Veränderungen bringen, ließ Spahn in die Zukunft blicken.

Im Moment aber leiden auch Krankenhäuser wie die Asklepios-Klinik in Stadtroda daran, dass es noch an der schnellen Internetverbindung im Landkreis fehlt.

Und die elektronische Patientenakte, die Spahn ab 2021 schrittweise einführen will, sieht mancher niedergelassene Arzt noch skeptisch. Denn am Anfang sei das noch mehr Aufwand, da die Daten doppelt – elektronisch und auf dem Papier – erfasst werden müssten, meinten Ärzte nach der offiziellen Gesprächsrunde.

Angelika Munteanu 10.10.2019